December 21, 2005:

[achtung! kunst] *markt* : Cologne Fine Art and H.-M. Schmitz
 
     
 


art-in.de, 15.12.2005
Das Segment außereuropäische Kunst auf der COLOGNE FINE ART 2006

Rund 180 internationale Aussteller beteiligen sich an der COLOGNE FINE
ART vom 15. bis 19. Februar 2006. Die Exponate dokumentieren den
Zeitraum von der Antike bis zur unmittelbaren Gegenwart. Kunst des
Westens, aus Vorder- und Hinterasien, aus Afrika und aus pazifischen
Regionen von hoher Qualität wird in breiter Fülle zu sehen und zu
erstehen sein. Im Vorfeld der COLOGNE FINE ART suchen wir durch
Interviews mit einigen Ausstellern aus den unterschiedlichen Sparten die
Akzente der Messe zu ergründen und zu vermitteln. Über sein
Spezialgebiet China und Japan befragten wir den Kölner Kunsthändler,
Hans-Martin Schmitz, der seit 1990 als Sprecher des Vorstandes des
Rheinischen Kunsthändlerverbandes fungiert. Hans-Martin Schmitz ist seit
1964 im Kunsthandel tätig, zunächst in Wuppertal, seit 2004 in Köln.

Frage: Herr Schmitz, Ihr Spezialgebiet ist Kunst und Kunsthandwerk aus
Japan und China. Haben Sie es hierzulande mit einer recht kleinen,
übersichtlichen Sammlerklientel zu tun?

Antwort: Ich meine, es gibt eine zunehmende Anzahl von Sammlern
ostasiatischer Kunst. Der Markt entwickelt sich gut. Im Vergleich zur
Dichte von Sammlern etwa in Holland gilt es in Deutschland sicherlich
noch eine Menge aufzuholen. Nach wie vor ist es so, dass in Holland, in
Großbritanien, in Frankreich und in den USA höhere Preise für japanische
und chinesische Kunst gezahlt werden als bei uns in Deutschland. Wir
sind eindeutig ein Land der niedrigen Preise, was für den hiesigen
Sammler natürlich vom Vorteil ist.

Frage: Was einst nur wenigen vorbehalten war, ist inzwischen für viele
fester Bestandteil ihrer Ferien- und Reiseplanung: Der Besuch
fernöstlicher Länder. Beschert Ihnen das auch neue Käufer- und
Sammlerschichten?

Antwort: Das hat sich erstmals deutlich niedergeschlagen nach der
Olympiade in Tokio. Nach ca. vier bis sechs Jahren gab es einen heftigen
Schub. Gelegentlich kommen Kunden zu mir, die von Anregungen auf ihren
Reisen nach Japan oder China berichten. Aus Skepsis vor möglichen
Missgriffen haben sie vor Ort bestimmte Gegenstände nicht erworben. Sie
suchen die Information bei mir, und manche wachsen dann in das
Sammelgebiet hinein. Andere sind übervorteilt worden, was sie erst durch
fachkundige Beratung erfahren. Diese führt dann zu einer Vertrauensbasis
und auch zu mehrfachen Käufen. Der Handel hierzulande unterliegt sehr
hohen Ansprüchen, die sich aus den Selbstverpflichtungen des
organisierten Handels ergeben.

Frage: Liebhaber moderner Kunst haben ihr Interesse längst auf die Kunst
Afrikas ausgeweitet. Gibt es derlei Synergien auch bei Ihren Kunden?

Antwort: Gibt es durchaus, beispielsweise bei der japanischen Malerei,
in der die Kalligrafie eine große Rolle spielt. Die wird bei uns wie
abstrakte Kunst gelesen. Ich kenne einige Sammlungen mit alter und
moderner japanischer Kunst und daneben mit zeitgenössischen westlichen
Arbeiten. Neulich suchte ich eine stehende Buddhafigur ohne Kopf und
Hände aus dem 12. Jahrhundert zu erwerben. Ein Sammler zeitgenössischer
Kunst kam mir dabei zuvor und kaufte sie.

Frage: Um den Nachschub an guten Stücken, die ihren Charme aus
Jahrhunderte, ja, Jahrtausende alter Patina herleiten, ringt jeder Ihrer
Kollegen in hartem Wettstreit. Entscheidet da letztlich die persönliche
Zahlungsfähigkeit, um an erlesene Ware heranzukommen?

Antwort: Oft spielt der Vertrauensvorschuss bei Sammlern eine größere
Rolle als der Geldbeutel. Natürlich ist Geld ein wesentlicher Faktor. Es
gibt immer diese Erscheinungen auf dem Kunstmarkt, dass mit
unvorstellbaren Geldmengen eingestiegen wird und dann unvernünftige
Preise bezahlt werden.

Frage: Woher bekommen Sie Ihre Ware?

Antwort: Aus Japan und China kaufe ich so gut wie nichts. Das hat seinen
Grund darin, dass sowohl die Japaner als auch neuerdings die Chinesen
ihre Kunst auf dem europäischen und amerikanischen Markt zurückkaufen.
Es wäre für mich unsinnig, in Japan und China einzukaufen, dort, wo die
Sammler und Händler sitzen, die die höchsten Preise zahlen. Insofern bin
ich auf hiesige Kundenbeziehungen angewiesen. Es nimmt zu, dass aus
Altersgründen Sammlungen liquidiert werden. Ich nutze solche Chancen, um
einzukaufen oder Verkäufe zu vermitteln. Selbstverständlich verfolge ich
auch Auktionen, um an geeignete Stücke zu kommen.

Frage: Gibt es Engpässe?

Antwort: Die gibt es beispielsweise auf dem Sektor japanischer
Farbholzschnitte. Weil sowohl in Europa, Amerika und in Asien diese
Kunstwerke gesammelt werden, kommt es zu einer erheblichen
Warenverknappung. Ähnliche Erscheinungen konnte man bei japanischen
Schwertern beobachten, die von den Japanern gänzlich zurückgekauft
wurden und werden.

Frage: Die Herkunftsländer sind beim Export ihres Kulturguts äußerst
restriktiv. Gibt es trotzdem genügend illegale Quellen und Kanäle für
den hiesigen Markt?

Antwort: Da bestehen erhebliche Unterschiede. Die Japaner sind relativ
großzügig. Sie stufen die wichtigen Kulturgüter nach Kategorien ein.
Ware der obersten Kategorien darf das Land nicht verlassen. Darunter ist
alles fast ohne Probleme aus Japan auszuführen. Es besteht ein liberaler
Kulturgutschutz. Der ist wiederum bei den Chinesen auf dem Papier sehr
streng gefasst. In der Realität wird er nicht konsequent durchgeführt.
Provinzregierungen erteilen gelegentlich Ausfuhrgenehmigungen.
Grabbeigaben dürfen theoretisch überhaupt nicht das Land verlassen und
trotzdem ist der Markt geradezu überschwemmt. Was passiert? Händler
bekommen für den Kauf größerer Posten Sondergenehmigungen von
Provinzregierungen oder wählen den Weg über Hong Kong. Letztlich aber
ist dieser Markt ein heißes Eisen, es sei denn, es handelt sich um
Stücke mit klaren westlichen Provenienzen. Die Chinesen suchten erst
kürzlich die USA dazu zu bewegen, einen Importstopp für chinesische
Kunst durchzusetzen.

Frage: Bringen die betuchten Wohlstandsbürger Chinas den Markt nicht
völlig aus dem Tritt?

Antwort: Eindeutig. Die hohen Preise auf den vergangenen Auktionen sind
durch chinesische Händler gezahlt worden. Sie investieren erhebliche
Geldmengen. Es ist unübersehbar, dass neues Geld aus China auf den Markt
drängt. Es ist ein enges Netzt geknüpft worden über den europäischen
Markt von diesen Händlern, so dass wir kaum noch eine Chance zum
Mithalten haben.

Frage: Es heißt, dass China eine hoch entwickelte Fälschungskultur
entwickelt habe. Können Sie das bestätigen?

Antwort: Das kann ich bestätigen. Gefälscht worden ist in China zu allen
Zeiten, aber zuvor nicht mit dieser gezielten Absicht, viel Geld zu
verdienen. Früher wurden Objekte aus Verehrung für den alten Stil
kopiert. Heute ist, insbesondere auf dem Sektor chinesischen Porzellans,
eine ganze Industrie tätig, die sehr, sehr gute Kopien macht. Imitiert
werden sogar die Gebrauchsspuren. Da rate ich jedem zur Vorsicht. Selbst
der Fachmann hat Mühe, die Imitation zu erkennen. Bei den Grabbeigaben
sind die glasierten Stücke schwer zu kopieren und als Fälschungen
leichter zu identifizieren. Schwieriger wird das bei den nicht
glasierten. Da werden Trümmerstücke von Figuren zu neuen verarbeitet.
Thermoluminiszenz-Untersuchungen bestätigen indes das Alter der Stücke,
weil der alte Ton verwendet wurde. Sodann haben die Chinesen ein
Verfahren entwickelt, wie neu gebrannter Ton durch Röntgenstrahlen
dahingehend verändert wird, dass Thermoluminiszens-Gutachten wiederum
nur auf die Verwendung alten Tons schließen können. Die Echtheit eines
Stückes lässt sich nur noch über eine Thermoluminiszenz- und eine genaue
Materialuntersuchung feststellen. Die neuzeitlichen Bindemittel, um den
gemahlenen Ton zu verarbeiten, sind nachweisbar. Nur so ist die
Neuschöpfung zu belegen.

Frage: Wie schützen Sie sich vor Fälschungen?

Antwort: Die Tang-Keramik ist nicht mein Gebiet. Ich kaufe sie nicht.
Wenn mir per Zufall ein Stück angeboten wird, so kann man oft aus dessen
Geschichte folgern, ob es echt oder falsch ist.

Frage: Spielt der Asiatica-Markt ebenso verrückt wie gelegentlich der
Markt etwa mit Klassischer Moderne?

Antwort: Im Moment ganz eindeutig auf dem Sektor chinesischen
Porzellans, sowie beim Kunstgewerbe des 18. Jahrhunderts. Die Chinesen
zahlen dafür momentan gigantische Preise. Da wird es sicherlich
irgendwann einen Rückschlag geben.

Frage: Was steht in der Beliebtheitsskala derzeit bei Asiatika-Sammlern
besonders hoch im Kurs?

Antwort: Sehr solide Nachfrage bei Japan: Netsukes und Farbholzschnitte.
Bei China eindeutig Porzellan und Kunstgewerbe des 17. und späten 18.
Jahrhunderts. Ein Netsuke kann 500 EUR kosten, kann aber bis zu 125.000
EUR erzielen, wie vor kurzem in Köln geschehen. Farbholzschnitte bekommt
man zwischen 500 EUR und einigen Tausend Euro, erreichen aber auch
100.000 EUR und mehr. China-Objekte kosten nicht selten einige
Millionen. Kürzlich wurde in London eine Porzellan-Vase für 15 Millionen
Pfund ersteigert.

Frage: Erstmals in diesem Jahr firmiert die Messe unter COLOGNE FINE
ART, vereinigt zeitgenössische und klassische Kunst, Antiquitäten und
Antiquariate unter einem Dach. Was versprechen Sie sich von diesem
unmittelbaren Nebeneinander?

Antwort: Dasselbe, was wir uns einstmals von der Zustimmung zur
Parallelmesse KUNSTKÖLN versprochen haben. In unserer Branche "Alte
Kunst" wird geklagt, dass die Kunden immer älter werden, dass es an
fundamentaler Bildung fehle, die den Schülern im Bereich Kunst nicht
mehr vermittelt werde. Es hat sich als positiv erwiesen, dass unser
Publikum durch die Zusammenlegung einfach jünger wird.

Frage: Die COLOGNE FINE ART muss sich gegenüber vergleichbaren,
untereinander konkurrierenden Messen behaupten. Wird sie es schaffen?

Antwort: In Deutschland hat sie eine dominierende Position. Es droht uns
hierzulande keine Konkurrenz. International ist der Messekalender im
Frühjahr eng besetzt. Ich bin mir mit den Kollegen der Kunstverleger und
Antiquare aber sicher, dass wir uns durchsetzen können.

Sehr geehrter Herr Schmitz, vielen Dank für das Gespräch.

http://www.art-in.de/art-cologne.php?id=1045

 

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with kind regards,

Matthias Arnold
(Art-Eastasia list)


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