December 4, 2004:

[achtung! kunst] "Sunzi Hero" tour - Shintaro Imai - Kunst aus Dashanzi - Shanghai Techno - Milliardär als Kunstliebhaber - Xi'an: Western Han murals
 
     
 


Dresdner Neueste Nachrichten - Kultur (04-12-2004 01:33 Uhr)
Suche nach dem Chi mit finalem Hau-Down

Splittern chinesischer Tradition begegnet man heute allenthalben. Bunte, oft unscharfe China-Bilder gehören zum Bodensatz jener Renaissance, die Peter Sloterdijk vor Jahren schon als Eurotaoismus bezeichnet hat. Kochbücher erklären uns, wie man im Einklang mit der Fünf-Elemente-Lehre leben kann, andere Ratgeber, dass wir uns in unserer Wohnung besser fühlen, wenn die Gebote des Feng-Shui beachten. Bei Quelle gibt's Tagesdecken mit chinesischen Schriftzeichen, und für intellektuellere Geister hält der Buchhandel unzählige Büchlein mit Weisheiten von Laotse oder Konfuzius bereit.

Eine auf den ersten Blick etwas authentischere Facette chinesischer Tradition konnte man am Freitag im Kulturpalast erleben - und es waren viele, die sich die "Sunzi Hero"-Tour der Shaolin-Mönche ansehen wollten. 50 Meister des Kung-Fu zeigen bei dieser Produktion ihr Können, aber man muss keine Angst haben, dass das Heimatkloster in China jetzt personell und spirituell verwaist ist - es sind, informiert ein Faltblatt, Ex-Mönche und "die besten Sportler der Volksrepublik China" (das Land der Mitte hat so viele davon, dass nicht alle für Olympia trainieren müssen), die hier allerlei ausgefeilte fernöstliche Kampfkunsttechniken Wushu zeigen.

Eingebettet sind die vorbereitenden Meditationsübungen und die einzelnen Kampfkunstdarbietungen in eine Art Geschichte mit vier Akten. Die Bevölkerung eines Dorfes wird von bösen Kräften, sprich Banditen drangsaliert. Aber mit Hilfe der Shaolin-Mönche schlägt man die Feinde in die Flucht. Um gegen künftige Übergriffe gewappnet zu sein, erlernen die Dörfler mit Hilfe der Mönche die Kunst des Wushu. Am Ende gibt's die fernöstliche, schusswaffenfreie, aber natürlich auch nicht gewaltfreie Variante des Showdown. "Sieg der Gerechtigkeit, Verbreitung des Guten" wird dieses Finale aus dem Off angekündigt.

Alles in allem dominierte leider der Kitsch über den Kampf, vor allem die Massenszenen waren schon sehr gewöhnungsbedürftig. Ältere Semester im Saal dürften sich vielleicht an alte Sportfest- und Spartakiade-Zeiten erinnert haben, aber so richtig vom Hocker rissen diese uniformen Turnübungen nicht. Nur das Geschehen im dritten Akt brachte das Gros der Zuschauer wirklich zum Staunen, etwa wenn da mit dem Kopf Eisenstangen zertrümmert wurden oder sich ein Mönch wider aller Erwarten sich doch nicht an einer Lanze aufspießt, deren Spitze er sich an die Kehle gesetzt hat. Das Chi, also jene Kraft, die bewirkt, dass der Mensch scheinbar Unmögliches leistet, war geweckt - Anteilnahme und Beifalls-Lust des Publikums endlich auch.

Ansonsten wurde ständig gesprungen, die Kunst der Arm- und Beinverschlingung demonstriert und mit allerlei "Waffen" gekämpft, aber leider sieht man das in jedem zweiten Kung-Fu-Film besser. Da half auch die melodramatische Musik irgendwo zwischen "Hero" und "Zwei glorreiche Halunken" nicht viel. Wer einmal ein Schwert in Händen hielt, der weiß, dass man mit Stahl und Eisen ganz anders kämpfen muss als diese mit "Spielzeugschwertern" herumfuchtelnden Mönche.

Christian Ruf
http://www.dnn-online.de/dnn-heute/44287.html


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BZ, Samstag, 04. Dezember 2004
Da hören selbst die Knorpel zu
Musik, die in Erinnerung bleibt: Der DAAD-Stipendiat Shintaro Imai stellte seine Arbeiten in der Berlinischen Galerie vor
Jan Brachmann

Man saß eng beieinander am Mittwoch im leuchtend weißen Auditorium der neuen Berlinischen Galerie. Es mussten zusätzliche Stühle aufgestellt werden, weil der Zustrom an Menschen nicht abriss, die in den Saal wollten; erst zwanzig Minuten nach der angesetzten Zeit konnte die Veranstaltung beginnen. Shintaro Imai, ein dreißig Jahre alter Komponist aus Japan, der sich gerade als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Berlin aufhält und im Studio für elektronische Musik an der Technischen Universität arbeitet, stellte vier seiner Werke aus den letzten sechs Jahren vor. Imai ist in Berlin kein ganz Unbekannter mehr. Eine der Kompositionen dieses Abends, "Motion and Glitch Study" für die Tänzerin Kazue Ikeda, Bildverarbeitung und Klangelektronik, war schon im vergangenen Sommer beim Festival Inventionen in den Sophiensælen aufgeführt worden und hat dort beim Publikum ganz offensichtlich mehr geweckt als das gewöhnliche Interesse.

Woran das liegt, vermochte das Konzert in der Berlinischen Galerie auf eindrucksvolle, begeisternde Weise zu klären: Imai schafft Musik, die in Erinnerung bleibt. In Erinnerung bleibt Musik, wenn sie zu einer sinnfälligen Gestalt findet, Formen baut, die für das Hören evident sind. Die technischen Verfahren, mit denen elektronische Musik ihre Klänge generiert, sind durch das Ohr ja nicht nachvollziehbar. Imai arbeitet mit der sogenannten Granularsynthese. Er zerlegt dabei konventionell erzeugte Klänge der menschlichen Stimme oder akustischer Instrumente in Klangkörner einer Dauer von 1-30 Millisekunden. Dieses Klanggranulat ist dann in seiner Herkunft sinnlich nicht mehr erkennbar und wird zu neuen Klängen synthetisiert. Imais Arbeit aber erschöpft sich nicht im Erfinden von Material, sie setzt sich im Gestalten von Form fort.

Schon "Resonant Quarks" von 1998, eine elektroakustische Komposition ohne Live-Instrumente, schichtet die Töne und Geräusche wie in einem mehrstimmigen Satz. Die einzelnen Klänge besitzen wiedererkennbare Qualitäten, mit denen Imai so umgeht, wie es Komponisten traditioneller Kunstmusik mit Themen und Motiven tun. Ein Geräusch beispielsweise, das dem Anlassen eines schweren Motors ähnelt, ließe sich in seiner satztechnischen Funktion einer rollenden Bassfigur vergleichen, die als harmonische Stütze dient und zugleich das Metrum, das Maß vergehender Zeit markiert. Im Ganzen beschrieb Folkmar Hein von der TU "Resonant Quarks" in seiner Einführung als Bogenform, ein Wort, das hier deshalb berechtigt ist, weil sich der stille Beginn und das Verdämmern des Stücks nicht als leichtfertig gesetzte Korrespondenz gegenüberstehen, sondern durch einen hörend nachvollziehbaren Prozess aufeinander bezogen sind.

"La Lutte bleue" für Elektronik und Violoncello (gespielt von Michael Moser) lebt hingegen vom unversöhnlichen Kontrast, der zu einem "Bogen" sich nicht vermitteln lässt. Dem Titel ("der blaue Streit") liegt das chinesische Schriftzeichen für "Stille" zu Grunde, das sich aus den Zeichen für "blau" und "Streit" zusammensetzt. Unterstützt von der Elektronik spannte das Cello hier zuweilen herrliche, pentatonisch bunte Drachen auf, denen zum Schweben viel Zeit blieb, Zeit die der Hörer auch braucht, um sich ihre Gestalt einzuprägen.

Imai benennt den 1998 verstorbenen Komponisten Gérard Grisey als einen seiner Bezugspunkte. Im Umgang mit Zeit, der sich an gestaltpsychologischen Gesetzen des Hörens ausrichtet, wird dieser Bezug sehr deutlich. Man empfindet die Musik von Imai als schön - nicht nur wegen der gelegentlich sehr zarten, affinen Klänge, sondern weil man beim Hören neben der Herausforderung auch Erfolge erlebt, Erfolge beim Lernen der je eigenen Grammtik der Form.

In "Ubiquitous", ein Stück, das mit der Flötistin Sabine Vogel gemeinsam erarbeitet wurde, und in "Motion and Glitch Study" mag der Anteil der Improvisation beträchtlich, die Werkgestalt im Detail variabel sein. Dennoch hatte man auch hier nicht den Eindruck, etwas Ephemerem, Flüchtigem beizuwohnen, als Hörer verklapst zu werden, sondern es mit einem Gegenstand zu tun zu haben, der trotz aller Veränderlichkeit immer noch bestimmbar und damit diskutierbar bleibt. "Motion Glitch and Study" verkoppelt Tanz, Bild und Geräusch so, dass über das Ohr hinaus noch ganz andere Körperpartien (die Knorpel der Gelenke zum Beispiel) für das Hören hinzugewonnen werden. Es kommt dabei sowohl in der Darbietung wie auch beim Aufnehmen zu bewegungsgenerierten Sinnesüberschneidungen, die ein altes Augustinus-Wort neu plausibel machen: Musica est ars bene movendi - Musik ist die Kunst der rechten Bewegung.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/feuilleton/401107.html

Shintaro Imai
wurde 1974 in Nagano (Japan) geboren. Der Komponist und Klangkünstler studierte am Kunitachi College of Music in Tokio und am IRCAM in Paris.
Im vergangenen Jahr war er Composer in Residence beim Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe.


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4. Dezember 2004, 02:11, Neue Zürcher Zeitung
Schauplatz Peking
Subversion in der Traumfabrik
Wie sich die künstlerische Avantgarde auf einem alten Rüstungsgelände einrichtet

Im Nordosten Pekings, wo sich einst einer der grössten militärischen Komplexe Asiens befand, hat sich in den letzten Jahren auf einer Fabrikanlage eine moderne Kunstszene etabliert, die es - wäre ihre Zukunft gesichert - durchaus mit ähnlichen avantgardistischen Milieus und Projekten im Westen aufnehmen könnte.

Die Vorstellung, Usama bin Ladin in Peking anzutreffen, klingt absurd. Auch der Dalai Lama oder Papst Johannes Paul II. gelten in Chinas Hauptstadt nicht unbedingt als willkommene Gäste, zumindest nicht bei denen, die eine Einladung an diese Personen auszusprechen in der Lage wären. Und doch finden sich alle drei - obgleich verstreut und in Öl auf Leinwand - in einer ehemals militärischen Fabrikanlage aus der Zeit des Kalten Krieges wieder. Es braucht nicht immer der Himmelstempel oder die Verbotene Stadt zu sein, um die Seele Pekings, sofern sie von Bohrern und Baggern nicht vollständig herausgerissen worden ist, zu ergründen. Die heutige Kunst- und Kulturszene lässt sich mitunter besser an den Rändern der Hauptstadt aufspüren.

Was sich im nordöstlichen Teil Pekings, im sogenannten Dashanzi New Art District, als ein imposantes Experimentiergelände für zeitgenössische Künstler entpuppt, stellte jahrzehntelang einen in seiner Grösse nicht wenig gigantischen Komplex dar, den Architekten aus der ehemaligen DDR zu Beginn der fünfziger Jahre entworfen hatten. Die Fabrikanlage mit der Bezeichnung 718 (militärische Anlagen waren damals in der Volksrepublik alle mit der Anfangsziffer 7 gekennzeichnet) wurde im Gegensatz zu vielen anderen Projekten nicht mit sowjetischer Hilfe errichtet. Fast die gesamte maschinelle Ausrüstung sowie Teile zur Konstruktion der Fabrikhallen, von China finanziert, gelangten von Ostdeutschland aus über die Transsibirische Eisenbahn nach Peking, inklusive Dutzender Spezialisten.
Der Stolz der Arbeiter

Mit sich brachten die Vertreter aus dem «Arbeiter- und Bauernparadies» nicht nur technisches Know-how, sondern auch einen bis anhin in China fast unbekannten Architekturstil: Die räumlich grosszügig entworfene Anlage, die zusammen mit den Wohnbezirken der Arbeiter eine Fläche von mehr als einer halben Million Quadratmeter belegte, erinnert an den Bauhausstil der dreissiger Jahre, in dem sich die Form der Funktion anpasst, ohne auf ein feines Gespür für Eleganz völlig zu verzichten. Chinas damalige Führung zeigte sich glücklich, die Anlage war nicht nur ein strahlendes Vorzeigeobjekt zur Manifestation des kommunistischen Ideals, sondern wurde von der Bevölkerung auch als begehrter Arbeitsort betrachtet. Die Stadt in der Stadt bot ihren Arbeitern nebst einer sinnvollen Beschäftigung auch Wohnmöglichkeiten, die für Pekinger Verhältnisse geradezu luxuriös waren. Die Qualität des Schul- und Gesundheitssystems für Kinder und Angehörige sowie das Angebot an Freizeitaktivitäten lagen ebenfalls deutlich über dem Landesdurchschnitt. Produziert wurden nebst Gütern für den militärischen Gebrauch repräsentative Staatssymbole wie etwa Embleme für den Nationalen Volkskongress. Verständlich deshalb, dass nicht nur hohe staatliche Repräsentanten von nah und fern - wie Deng Xiaoping, Otto Grotewohl oder Kim Il Sung -, sondern auch die einfachen Arbeiter auf den damaligen Aufnahmen immerzu stolz und zufrieden in die Kameras strahlten.

Doch selbst in China finden Träume ihr Ende, in diesem Fall derjenige der einstigen Spitze der Volksbefreiungsarmee. Schuld daran war Deng Xiaoping, dessen Öffnungspolitik im bisher abgeschotteten China marktwirtschaftliche Mechanismen auslöste. Die Dashanzi-Fabrikanlagen suchten sich in den achtziger Jahren noch mit einigen Joint Ventures über Wasser zu halten, doch schwand die finanzielle Unterstützung der Regierung für Staatsunternehmen in den kommenden Jahren mehr und mehr. Der einst in der Bevölkerung populäre Begriff «tiefanwan» - eiserner Reisnapf, unkündbare Stelle - verlor auch in der Musterfabrikanlage seine Bedeutung. Maschinen liefen immer seltener und blieben schliesslich Mitte der neunziger Jahre ganz stehen. Erst ein Geistesblitz der Zentralen Akademie für bildende Künste hat dem heruntergekommenen Betriebsareal wieder Leben eingehaucht. Im Laufe der letzten Jahre haben Maler, Musiker und Designer das Gelände entdeckt, selbst aus Japan und Übersee. Hätte man früher die Möglichkeit gehabt, das Fabrikareal zu besichtigen, wären einem Industrieanlagen in Chemnitz oder Katowice in den Sinn gekommen. Ein heutiger Besuch erinnert dagegen eher an das New Yorker Trendquartier von Soho oder an Berlins Prenzlauer Berg.

«Der Vorsitzende Mao ist die rote Sonne, die in unseren Herzen scheint», steht in merklich verblichenen, riesigen Lettern an der gewölbten Decke der hell erleuchteten, einer Kathedrale ähnlichen Fabrikhalle. Was hier als Avantgardekunst gedacht ist, gehört in ländlichen Gebieten des Riesenreichs durchaus noch zum gelebten Alltag. In dieser Umgebung, erstellt auf den Ruinen eines kurzlebigen utopischen Traums, stellen solche Slogans die Bindeglieder zu einer gewiss nicht leicht zu überwindenden Vergangenheit dar. Und das ist ganz gut so, denn Vergessen - bewusst oder unbewusst - rächt sich. Das wissen auch die Künstler, die hier ihre Studios eingerichtet haben oder ihre Werke ausstellen: Gedächtnis ist der Schlüssel zum Verständnis der Gegenwart in einem Land, wo Vergessen Befreiung bedeutet.

Zu den ständigen Bewohnern der ehemaligen Fabrikanlagen gehört etwa der bekannte Konzeptkünstler Cang Xin, der offensichtlich die Nähe zu berühmten (oder auch berüchtigten) Persönlichkeiten sucht, wie anfangs geschildert: Mit dem in Boxershorts, sonst sich kleiderfrei präsentierenden Dalai Lama posiert der Künstler, der die Insignien des tibetischen Würdenträgers übernommen hat, in seinem Werk mit dem Titel «Rollentausch» vor dem Potala-Palast zu Lhasa. Fu Lei hingegen liebt es, einen nackten, lediglich mit roten Stiefelchen sich zierenden Menschen, der ihm auffallend gleicht, in verschiedenen Positionen zu malen. Einmal räkelt der sich auf einem Tischchen, ein anderes Mal klammert sich die üppige Gestalt an einen Vogel, seinen männlichsten Teil immer mehr oder minder gekonnt verdeckend. Mit weniger intimen Gefühlen arbeitet der «Militärkünstler» Xing Junqin: Ein riesenhaftes Bild zeigt chinesische Freiwilligenverbände unmittelbar vor ihrer Abfahrt an die koreanische Grenze, fast wie auf einem Schulausflug; ein anderes porträtiert Deng Xiaoping, in einer Staatskarosse stehend, dem Volk übers Mikrofon zuredend, und schliesslich - sein jüngstes Werk - den chinesischen Patriarchen, im Lotussitz auf einer Wolke über Hongkong schwebend, pausbäckige Engelchen an seiner Seite. Der Freiraum zu künstlerischer Betätigung jenseits der offiziellen Dogmen des Marxismus-Leninismus scheint fast grenzenlos zu sein.
Ungewisse Zukunft

Nebst den eigentlichen Studios, wo einige Künstler auch Lofts als Wohnstätte eingerichtet haben, finden sich auf dem einstigen Fabrikareal Galerien, Kleiderboutiquen, Bücherläden, Cafés, Bars und Restaurants. Die Anziehungskraft für Artisten jeglicher Stilrichtung scheint nach wie vor ungebremst, obwohl die Vermietung für freie Räume inzwischen eingefroren und die Zukunft des Kunstdistrikts keineswegs gesichert ist. Es gibt Pläne der Regierung, die glorreichen Jahre des Dashanzi-Gebiets wiederaufleben zu lassen, und zwar nicht als Experimentierfeld für eine chinesische Variante der Avantgarde, sondern als Technologiepark.

Die Kunsträume verlassend, noch ein wenig von west-östlicher Symbiose träumend, gelangt man auf die staubig-graue Strasse, nimmt den einst von Reisen nach Osteuropa her bekannten Kohleduft wahr und gibt sich dem Rauschen der Pappelbäume im Wind hin, das lediglich vom Zirpen der Zikaden unterbrochen wird. Eine beschädigte Qilin-Figur, das chinesische Fabeltier, lehnt an einem nicht mehr ganz intakten Fabrikschlot. Die Gegend hat etwas Verkommenes und doch wieder Konventionelles an sich, mit einem Hauch einer fast gänzlich verschwundenen Epoche des 20. Jahrhunderts. Es wäre wertvoll, solche Lebenswelten als Zeugen einer aussergewöhnlichen Geschichte zu erhalten, nicht als Museum, sondern in der gelebten Realität. Zur Architektur Pekings gehören sowohl die vorrepublikanischen «Hutong» (engen Gassen) und «Siheyuan» (traditionelle Wohngebäude mit viereckigem Innenhof) wie auch die Fabrikanlagen aus den Gründerjahren der Volksrepublik. Alle legen sie Zeugnis ab von gelebter Vergangenheit. Die Integration des architektonischen Erbes in die Pläne zur Modernisierung von Chinas Hauptstadt wäre für das Image des Landes wohl keine schlechte Werbung.

Matthias Messmer
http://www.nzz.ch/2004/12/04/fe/page-article9YRL1.html


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espace.ch, 03.12.04 22:14
Gesichter des anderen China
Das ebenso feine wie rare Partyformat «Boutique» geht am Samstag in die zweite Runde. Nach Berlin ist die brodelnde chinesische Metropole Shanghai zu Gast in Bern. In der Handelskapitale boomt auch das Partygeschäft.

Dass nicht alle Chinesinnen und Chinesen nach der im Namen des Volkes und der Partei erledigten Arbeit am Abend einfach unverzüglich zufrieden und befreit ins Bett sinken – das haben wir bereits geahnt. Als im Jahr 2000 aber der Roman «Lalala» der jungen Autorin Mianmian auf Deutsch erschien, haben wir trotzdem ein bisschen gestaunt, wie wild es gewisse Chinesinnen und Chinesen nach Sonnenuntergang treiben. Sie schrieb von einem neuen China, das mit jenem der Marx-und-Mao-Saubermänner nichts gemein hatte, schrieb von Sex und Drogen, Lesben und Schwulen, Clubs und Hinterzimmern, Prostituierten und Transvestiten, wilden Partys und durchwachten Nächten. Epizentrum dieses anderen China: Shanghai, die im Namen der vor rund zehn Jahren ausgerufenen «sozialistischen Marktwirtschaft» explodierende 14-Millionen-Stadt. Am Tag eine pulsierende Handelsmetropole, die Hongkong den Rang ablaufen soll, erwacht Shanghai des Nachts als vibrierendes Klubmekka.

Einen Hauch dieses wilden Shanghai bringt am Samstag die zweite Auflage von «Boutique» nach Bern. Die feine, aber rare Eventreihe – organisiert von ammonit und World of Venus – debütierte im Mai im Bierhübeli, zu Gast war damals Berlins Partyszene. Als Aushängeschild für die Shanghai-Nacht, die nun im Kornhaus stattfindet, amtet DJ Chang. 1989 gestartet als Plattenleger und Produzent im Hongkonger Untergrund, gilt er heute als einer der Wegbereiter chinesischer Klubkultur, der nun auch auf legaler Basis seiner Passion nachgehen kann. Aus Shanghai nach Bern kommen zudem der schwule Jazzsänger Coco Zhao, der mit Lidstrich und selbstentworfenem Rock auftritt, und das global tätige Multimedia-Kunst-Duo 8GG.

Des Weiteren werden zwei Schweizer DJs auftreten, die in den Neunzigerjahren wesentlich am Durchbruch des Techno in Asien beteiligt waren: Michael Fresh und De La Bass gründeten 1996 in Peking das Label Cheesebeat, als Techno im Reich der Mitte noch unbekannt war. Bereits zwei Jahre später veranstalteten sie die erste Technoparty auf der Chinesischen Mauer. Ihre Pionierarbeit in China wurde hier zu Lande erst vor drei Jahren registriert, als sie ihr Label und eine Hand voll chinesischer DJs an der Zürcher Street Parade auf einem Lovemobil in Drachenform präsentierten.

Wie es sich für die «Boutique»-Reihe gehört, wird das Kornhaus in ein alle Sinne betörendes Klein-Shanghai verwandelt – chinesisches Bier inklusive. Sodass es auch für schaffige Bernerinnen und Berner keinen Grund gibt, an diesem Abend unverzüglich und befreit ins Bett zu sinken.

http://www.espace.ch/artikel_38735.html


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theage.com
Thriving Chinese buy back heritage
By Hamish McDonald, China Correspondent
Beijing, December 4, 2004

China's new millionaires are influencing the world's art market.

In Xu Qiming's extensive factory complex in eastern China, many of his 1000 employees are busy filleting, roasting and packing the freshwater eels grown in his company's ponds for export to Japan, where they will end up layered on top of sticky rice in the beloved unagi bento (eel lunch boxes).

But Mr Xu's pride and joy lies elsewhere... in a strongroom in one of his buildings. From a sturdy plywood box, he takes out an inner container of shiny black lacquer, and from that, a bag of heavy silk. Opening the drawstring, he pulls out a square-side ceramic vase vaguely in a pagoda shape, coloured a subtle grey-green.

"Southern Sung," he says, referring to a dynasty ruling between 1127 and 1279.

Mr Xu brings out more treasures, laying them on an exquisitely carved imperial palace desk, about 300 years old itself: a blue-and-white wine decanter with a stopper in the shape of a phoenix, from the 1276-1368 Yuan dynasty, a blue-and-white bowl with a dragon design, from the 1368-1644 Ming dynasty, and a large vase with a red dragon against a blue background, from early in the following Qing period.
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The earlier stiff CEO manner has gone. Mr Xu, a burly 41-year-old in a plain dark suit and open-necked check shirt, is smiling with unabashed pleasure.

"That is 50 million yuan ($A7.7 million) sitting on this desk," he said. "These are the best representative artefacts from each of these periods in our history, none of them worth less than 5 million yuan."

Mr Xu represents a phenomenon starting to send waves through the world's auction rooms. Suddenly, China's new crop of business millionaires are beginning to show an interest in art, many declaring a duty to repatriate the national treasures plundered or sold during the country's last two centuries of weakness and turmoil.

'These are the best representative artefacts from each of these periods in our history.'
- Xu Qiming, Chinese collector

Mr Xu's red-dragon Qing vase, for example, came from a collection in Japan and sold at a recent Hong Kong auction.

When he bids at Sotheby's or Christie's in Hong Kong, London or New York, Mr Xu is waving the flag for China. "I am making a purchase for myself," he said. "But I also feel pride and national spirit when I buy."

According to Wang Yannan, president of the rapidly expanding Beijing art auction house China Guardian, Mr Xu is far from being alone.

"There are more and more new faces coming into the market," she said. "More people like Mr Xu, for instance, are beginning to form their collections."

Over the past three or four years, China Guardian, or Jiade in its Chinese name, has had a register of 20 to 30 serious Chinese collectors, individuals ready to spend 1 million yuan or more on a work.

But this list dates quickly. "Recently there are more," Ms Wang said. "People come out and bid for much higher prices."

One result of this is that overseas collections are being returned to mainland China for sale, instead of auction rooms in Hong Kong, Taiwan, Europe or North America.

At China Guardian's latest sale, in Beijing two weeks ago, about 20 items came from the fabulous collection known as the Jade Studio, built up by a rich Shanghai aesthete Wong Nanping, who moved to Hong Kong before the 1949 communist revolution and then to the United States where he died in 1985.

A stunning album of 10 landscapes painted by Wang Jian in 1668 fetched 12.65 million yuan, way above the auctioneer's estimate of 1.4 to 1.8 million yuan.

Another series of flower paintings from 1680 by Yun Shouping was sold for 6.93 million yuan, compared with the pre-sale estimate of 1.7 million.

Granted, in both cases the buyers were Chinese from Taiwan or Hong Kong (their identities are kept confidential) permitted to take the purchases out again despite China's strict export controls on antiquities because the paintings had been registered as already outside the country.

But the fact that the Jade Studio's curators thought Beijing's market offered the best price pressure is significant.

Many of China's palaces and mansions were comprehensively looted by the European and Japanese armies that rampaged through the country over 150 years, while rich families fleeing for foreign asylums often had to sell heirlooms for bargain prices. Then, after the communists took over, confiscated antiques and artworks were stored in government warehouses or quietly sold abroad to raise hard currency.

Some communist leaders helped themselves to this sequestered art.

Writer John Byron, in his biography of Mao Zedong's sadistic secret police chief, Kang Sheng, records that after viciously purging alleged rightists and counter-revolutionaries, Kang would retreat to his Qing dynasty courtyard mansion, transforming himself from "Marxist revolutionary into elegant and erudite mandarin" who proudly showed off his exquisite porcelain, bronzes, scroll paintings and calligraphy.

The lobby of China Guardian's office is crowded with Chinese bringing in items to be appraised for auction.

About 90 per cent are recent fakes, and another 9 per cent older goods of no particular merit. "They may not be recent forgeries, but even something made 150 years ago and passed down from a grandfather until finally the family decides to sell," Ms Wang said.

"It's sometimes quite difficult for them to face the situation - we have to tell them in a way that they don't feel hurt too much, or that we don't get hurt! Some people can't handle it and they yell and scream outside. But we hope that one or two surprises out of all this will walk in the door."

But it's a long shot. Most of the best traditional art up for grabs is still out of the country.

"There may still be some great art around but not many pieces," Ms Wang said. "Most of it is either in museums here or has gone out. So in the future there's more potential to bring it back - from Japan especially, and from the US."

The other new supply is archaeological, from tombs and ruins uncovered by farmers or building workers, or from the wrecks of Chinese trading ships around Asia. Some trickles illegally into the market but most of this heads straight to state museums.

With the Chinese Government regarding unearthed items as state property, serious collectors tend to stand back - though this does not stop hopeful villagers offering "ancient" wares caked with new dirt to the naive at places like Beijing's Panjiayuan bric-a-brac market.

Some of the figures now prominent in China's efforts to reclaim its artistic heritage are the children of senior communist leaders. Ms Wang is the daughter of Zhao Ziyang, the party general-secretary purged at the time of the Tiananmen crackdown in 1989 and still under house arrest.

A daughter of Liu Shaoqi, the sober economic manager targetted in the 1966-76 Cultural Revolution, heads Sungari, an auction house specialising in Chinese paintings.

It's the new money of people like Mr Xu in industrial cities such as Cixi, between Shanghai and Ningbo, which is heating the market. The son of small farmers, Mr Xu started out at 18 with a high school education and 70 yuan, first as a seafood trader then as eel breeder.

After haunting museums on business trips, he took the plunge in 2000, spending 200,000 yuan on a vase. Since then he has spent 30 million yuan a year on his collection.

http://www.theage.com.au/news/World/Thriving-Chinese-buy-back-heritage/2004/12/03/1101923331948.html?oneclick=true#


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China Daily, Updated: 2004-12-03 08:48
A noble find reveals the life in the past

Chicken fighting, women dancing with long silk sleeves and other colourful mural portrayals of the ancient Chinese captivated archaeologists when they entered an ancient tomb in Shaanxi Province.
[image] The hostess and her female guests constitute a part of the murals found in an ancient tomb in Xi'an, capital of Northwest China's Shaanxi Province. [file photo]

The murals have been considered a rare find, according to Cheng Linquan, deputy director of the Xi'an Research Institute of Archaeology.

They provide visual evidence for the study of the lives of the ancient Chinese in the Western Han Dynasty (206 BC-AD 24) and of the development of Chinese art.

The tomb where they were discovered recently was chanced upon at a construction site of Xi'an University of Technology, in the capital of Northwest China's Shaanxi Province.

Dating back to the Western Han Dynasty, it is located in the southern suburbs of Xi'an, once the capital of the Western Han Dynasty. Back then, it was called Chang'an.

Local farmers say the tomb area was once a huge mound of earth. It was leveled off in the late 1960s and early 1970s for farming.

A tunnel led to the main tomb which has a main burial chamber and two side chambers.

The main chamber is 4.6 metres wide and 2.08 metres long with a height of 2.1 metres. The murals cover all the walls.

It seems the ancient artists first coated the wall with white plaster and then sketched their works with red, blue, black and other pigments.

The murals on the eastern side all feature men travelling in horse carriages. Some are on hunting trips, chasing game, or pulling full a bow, about to shoot a dear, or holding a long spear in pursuit of a wild bull, or getting off a horse to pick up the loot. Wild pheasants soar into the air, while the wounded bull are seen struggling on the ground.

Much of the paintings on the western wall were damaged. Only its centre part is visible. In this scene, the host and his guest sit on the ground, chatting and laughing while watching a chicken fight and flanked by waiting servants .

The painting on the southern wall of the chamber portrays the hostess and her female guests. Kneeling upon wooden mattresses, the women enjoy a dance show. Round stands are placed in front of the women and lacquer cups are laid on the stands.

The roof of the chamber seems to depict the afterlife of the protagonists when they die and rise to heaven, as the clouds show. They are accompanied by the sun, the moon, a dragon, crane, phoenix and among other "heavenly" creatures.

According to Cheng, an expert on relics of the Han Dynasty, this was the sixth Han tomb with murals found in Shaanxi, and the eighth Western Han tomb with murals in the country.

It is still too early to tell who is buried in the tomb.

The first Han tomb with murals was found early last century, and most are located in Central China's Henan Province.

Palace murals

The discovery follows the finding of fragmented murals of the same period from broken pieces of walls at the ruins of a Han Dynasty palace in Xi'an earlier this year.

The unearthed ruins of the imperial palace, covering an area of 2,000 square metres, are located in the northern suburbs of Xi'an. The broken pieces were found in the northwestern part of the imperial palace called Changle.

Liu Qingzhu, a researcher with the Archaeology Research Institute of Chinese Academy of Social Sciences, said the fragmented murals were the first batch of the Han Dynasty murals found in palace ruins.

Leading the archaeological team investigating the Chang'an city site, Liu said he and his colleagues have selected some 30 broken pieces as good samples. Liu said the samples may help fill up gaps in the study of the ancient murals from the Qin Dynasty (221-206 BC) on.

According to historical records, murals were a very popular medium for decoration from royal palaces to common homes to tombs in the Han Dynasty. A few palace buildings were noted for these murals, as ancient imperial annals recorded.

However, a Han Dynasty palace in good condition has never been found.

The Changle Palace was once the residence of the emperor's mother, and Liu said it shouldn't be less important than the palace resided by the emperor himself.

In fact, the palace ruins showed that the emperor's mother held enormous power over the state affairs, no less than that of the emperor, Liu said.

For 200 years, the Western Han Dynasty was plagued by the intervention from the families of the empress or emperor's mother. As a result, the palace where the emperor's mother resided also witnessed discussions over the state affairs between the emperor's mother and her son.

The mural fragments were unearthed from a palace construction with its bottom half built underground.

Zhang Zhenfeng, a member of the archaeology team, said the building is located in the southeast corner of the palace. But he speculates the murals must have come off from the roof of the building.

The archaeologists lament it is very hard to tell what the broken murals depict, as there are few documents and relics to compare them with.

http://www.chinadaily.com.cn/english/doc/2004-12/03/content_396983.htm


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Matthias Arnold M.A.
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